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AllIP (Sip/VoIP) Internet Radio und Wählscheibentelefon mit Impulswahl (Raspberry Pi, FritzBox, python, linphone, …)

The old Raspberry pi Rotorary Phone Player Picture

The old Raspberry pi Rotary Phone Player (RaRoPhoPl)
W 38/48 Fa. Siemens + Halske

Die Deutsche Telekom stellt immer mehr Anschlüsse auf AllIP um, während andere Anbieter schon länger nur über einen Router zu nutzen sind.
Was in den Medien untergeht und dabei oft nicht mitgeteilt wird ist, dass alte Telefone mit Wählscheibe an diesen Anschlüssen (bzw. Routern) oft nicht (mehr) funktionieren. Auch die „FritzBox“ von AVM ist zwar ein Meister als Telefonanlage mit verschiedenen Endgeräten und Internet-Telefonie, kann aber (offiziell) mit ihren aktuellen Modellen nichts mit Wählscheibentelefonen anfangen (trotzdem versuchen?). Eine Lösung wäre z.B. ein spezieller Wandler (IWF/MFV- Konverter) für ca. 50,- Euro oder der „Telekom TA 2 a/b“… Doch – in unserem Fall – ist das alte Telefon mit seiner Wählscheibe ein ideales Bastelprojekt auf Basis eines Raspberry Pi 2 das nicht nur wesentlich flexibler und vielseitiger verwendbar ist, sondern auch mit unzähligen zusätzlichen Funktionen ausgestattet werden kann.

Internet-Radio und SIP-VoIP-Telefon in einem alten Wählscheiben-Telefon

Bei dieser Gelegenheit nutzen wir gleich zwei Funktionen in einem Gerät:

  1. Als echtes SIP-VoIP-Telefon als Nebenstelle der Fritz!Box um u.a. Kurzwahlen und Billig-Vorwahlen nutzen zu können, aber auch einstellen zu können, bei welchen SIP-Anbietern das Wählscheibentelefon klingeln soll (z.B. um über iptel.org oder ekiga.net erreichbar zu sein).
  2. Wenn der Hörer aufgelegt ist: als einfaches Internet-Radio. So lässt sich direkt einer von neun (weltweiten) Sendern wählen. In unserem Fall z.B. BBC4 mit der „4“, ein indischer Sender mit der „5“ oder Ö3 mit der „3“. Die „0“ schaltet die Lautstärke zwischen zwei Stufen hin und her, bzw. fährt (nach dem 5ten mal) den Rasperry Pi geordnet runter. Also eine Art streaming-Weltempfänger für Webradio im nostalgischen Gewand. ;-)

Als Erweiterung ist bereits das „videophonieren“ bzw. eine Nutzung in Videokonferenzen angelegt, der Einsatz als Überwachungskamera/Alarmanlage getestet und eine Ansage der aktuellen Temperatur als einer der „Sender“ integriert. :-)

 

Grundlagen: Raspberry Pi 2 und andere Projekte

Anregungen und die für meine finale Lösung wichtigsten Tipps fand ich u.a. auf folgenden Seiten:

Rückblickend die passenden Hardware Anschaffungen:

  • Ein Wählscheibentelefon ;-) (Hier ein Wandtelefon W38/48 der Firma Siemens + Halske)
  • Raspberry Pi 2
  • passendes USB Netzgerät (stabilisiert und mind. 2 Ampere)
  • passende USB Soundkarte (hier: HEXIN Sound Audiocontroller)
  • passende Anschlusskabel für Mikrofon, externe Lautsprecher und Hörerlautsprecher
  • passende Steckkabel für die Steuerungspins und passende Quetschverbinder für die Kabel im Telefon
  • bzw. Lötkolben und Lötzinn ;-)
  • (Für Hardware Variante 2: 4x Widerstand 10KOhm)
  • … und (bei einem externen raspberry pi) evtl. längere abgeschirmte(!) Kabel wie z.B. zwei mal ein-adriges Kabel (einzeln abgeschirmt) für den Hörer und ein mindestens fünf-adriges für die Schalter + Ground

Alle Sicherheitserwägungen spielten erstmal keine Rolle, da es möglichst schnell gehen musste (Geburtstagsgeschenk), hinter einer Routerkaskade mit Firewalls sitzt und nun Schritt für Schritt angepasst werden kann. Jeder muss also wie immer selbst entscheiden wie viel Bequemlichkeit bzw. Sicherheit ihm wichtig ist und ob er das Risiko eingehen will. Ich selber klassifiziere das Projekt als unsicher! Wie immer: alles auf eigene Gefahr!

Auch alle weiteren Schritte / Hinweise sind nur für Leute, die Erfahrung haben und wissen was ihr Handeln für Konsequenzen haben kann…

 

Die Hardware: erhalten? stecken oder löten?

Da das Wählscheiben-Telefon an sich einwandfrei funktioniert, wollte ich es in seiner alten Technik erhalten und jederzeit rückbauen können. Zudem wollte ich ausprobieren ob ich das ganze auch als eine Art Mobiltelefon („Handy“) nutzen könnte (ja, auch hier waren erste Tests erfolgreich ;-) ). Ich habe so den Raspberry Pi zusätzlich in das Gehäuse gepackt. Grundsätzlich würde ich allerdings empfehlen ihn etwas luftiger und leichter erreichbar außerhalb des Gehäuses zu lagern und das Telefon über abgeschirmte Kabel eher als eine Art Fernsteuerung zu verwenden.

Ich habe mich grundsätzlich für Hardware-Variante 1 entschieden (siehe oben unter Fairytale Phone) und die Kabel entsprechend zusammengesteckt. Einzig den Erdungsknopf (unten rechts) wollte ich zusätzlich als Shutdown-button nutzen, was ich allerdings selbst bei Hardware-Variante 2 (mit Widerständen) wegen zu viel Störungen im Stromnetz und in der Luft (allein wenn sich der Kühlschrank einschaltet oder der Gasherd zündet) aufgeben musste. In der jetzigen Version kommt so bei der Betätigung des Knopfes nur ein kurzes Geräusch, es kann jedoch schnell wieder auf „system halt“ umgestellt werden (siehe Quellcode).

Inside picture of the old wall mounted rotary phone (W38/W48) with raspberry pi 2

Inside of the old wall mounted rotary phone (W38/W48)
Raspberry Pi 2

Auf Grund des engen Platzes musste ich die Mechanik der Wählscheibe schützen (hier mit Teilen einer alten CD) und sicherstellen, dass die SD-Karte beim schließen nicht abgebrochen wird. Auch mussten offene Kontakte isoliert werden, da diese evtl. zusammengedrückt oder sich zumindest zu nahe kommen oder anderweitig Kontakt herstellen könnten.

Zum Vergleich kann auch das nebenstehende Foto für eine große Version angeklickt werden.

Die im Raum verteilten externen Stereo-Lautsprecher sind über ein (Mini-)Stereoklinken-Kabel direkt an die USB-Soundkarte angeschlossen.

Auch das Mikrofon des Hörers steckt an der USB-Soundkarte. Dazu wurde die Abschirmung einer Stereoklinke an das Mikrofonkabel geführt, das außen an der Mikrofonkapsel anliegt und das innen an der Mikrofonkapsel anliegende Kabel an die beiden(!) Kontakte der Stereoklinke.

Der Lautsprecher des Hörers wurde auf gleiche Weise mit dem Audioausgang des Raspberrys verbunden.

Die Kabel der Wählscheibe („Nummernschalter“) hatten bei diesem Modell leider alle die gleiche Farbe. Zur besseren Orientierung habe ich sie mit farbigen Bändern entsprechend einem W48-Standtelefon gekennzeichnet.

Hier die ursprüngliche Belegung des Wandtelefons (W38/W48) und die daraus folgende Verkabelung:

Anschluss-Schema

Verkabelung

Oder als Schaltplan in der Hardware-Variante 2:

Wiring for RaRoPhoPl (GPI)

Wiring for RaRoPhoPl (GPI)

(Auch diese Bilder können vergrößert werden.)

Vor dem Einsetzen des Raspberry Pi habe ich offene Kontakte mit Isolierband abgeklebt und zusätzlich metallene Gegenstände mit Backpapier abgedeckt…

Die Status-LEDs wurden mit Glasfaserkabeln (aus einer Kindertaschenlampe) nach außen geführt, leider verdiente der „Sekundenkleber“ seinen Namen nicht – anhauchen half etwas…

Die original Klingeln sind (zur Zeit noch?) nicht in Betrieb (z.B. so? oder so?) – das Klingeln über die externen Lautsprecherboxen ist einfach zu bequem und praktisch…

 

Die Software: raspberry pi, python, linphone u.a.

An etlichen Stellen und bei etlichen Projekten wurde von linphone abgeraten und auch mich kostete die Umsetzung schließlich extrem viel Zeit (>80h) und Nerven. Ich wollte es allerdings gerne mit einem integrierten python-Programm versuchen und so kam linphone doch wieder ins Spiel. Weitere Schwierigkeiten entstanden nicht nur durch die Störungen im Stromnetz (oder wenn z.B. ein Feuerzeug in der Nähe zündet) sondern auch dadurch, dass sich störungsfrei nicht so viel in Funktionen auslagern lies, wie ich das gerne gehabt hätte. An etlichen Stellen musste ich so nicht nur Varianten einbauen um Hardwarefehler abzufangen, sondern auch Eigenheiten in der Nutzung von Raspberry-Pi-Python kompensieren. Der Versuch Python3 zu verwenden machte einiges noch komplizierter, so dass ich schließlich wieder bei Python2 landete und lieber teilweise auf „Spaghetti-Code“ umbaute…

Der Quellcode ist entsprechend unübersichtlich geworden und mit merkwürdigen Sonderaktion aus diversen Versuchen geziert. Zum Schluss lief aber alles weitgehend so wie es sollte und da blieb ich beim alten Grundsatz: never change a running system… ;-)

Hier die groben Schritte, für alle die bereits entsprechende Grundkenntnisse haben:

  1. Alles beginnt hier:
    https://www.raspberrypi.org/downloads/
  2. und mit der Installation:
    https://www.raspberrypi.org/documentation/installation/installing-images/linux.md
  3. Unter Linux nun in einem Terminal-Fenster (Console) eingeben:
    ssh raspberrypi

    (Benutzername: pi, Passwort: raspberry)
    [Update: In neueren Version muss der ssh-Zugang erst aktiviert werden…]

  4. dort:
    sudo raspi-config

    (evtl. noch „sudo passwd“ u.a.)

    sudo apt-get update
    sudo apt-get upgrade
  5. sudo apt-get install mpg123
  6. sudo apt-get install python-alsaaudio
  7. sudo nano /etc/modprobe.d/alsa-base.conf

    dort auskommentieren:

    # options snd-usb-audio index=-2

    und einfügen:

    options snd-usb-audio index=0
  8. sudo reboot
  9. alsamixer

    Headphones auf 98, Microphone auf 6 setzen, anschließend:

    sudo alsactl store
  10. https://wiki.linphone.org/wiki/index.php/Raspberrypi:start
  11. Autologin: in /etc/inittab folgende Zeilen geändert:
    sudo nano /etc/inittab

    Auskommentieren:

    # 1:2345:respawn:/sbin/getty 38400 tty1

    und hinzufügen:

    1:2345:respawn:/bin/login -f pi tty1 </dev/tty1 >/dev/tty1 2>&1
  12. Dateien aus (dem hoffentlich eines Tages erscheinenden – siehe unten! ;-) ) rarophopl.zip an die passenden Stellen kopieren, evtl.
    mkdir music

    u.a.

  13. nano .bashrc

    (zum Schluss „/PFAD/rarophopl.py &“ und evtl. Startmusik eintragen)

    /usr/bin/mpg123 -q /home/pi/music/0start.mp3 &
    /home/pi/rarophopl.py &
  14. chmod +x rarophopl.py

Zusätzlich muss noch die Fritz!Box um die IP-Telefon-Nebenstelle erweitert werden und die dort angegebenen Zugangsdaten in rarophopl.py (ziemlich am Schluss) eingetragen werden. Dabei können im Quellcode auch gleich Logfiles uvm. geändert werden.

Grundlagen von rarophopl.py finden sich bei den Links oben, der erste Quellcode bzw. ein 2015er-RaRoPhoPl-Software-Paket steht in der Version für Raspian vom Juni 2015 hier zur Verfügung…

 

Status, Temperatur und weitere Informationen als Webseite anzeigen

Zum Abschluss wollte ich noch kontrollieren können, wie es mit der Temperatur in diesem fast vollständig geschlossenen (und ja sehr vollen) Gerät aussieht und habe einen kleinen webserver installiert und eine kleine webpage mit den wichtigsten Daten gestaltet:

  1. Lighttpd installieren und konfigurieren
  2. Die dem RaRoPhoPl-Software-Paket (s.o.) beiliegende html-Seite im www-Verzeichnis als index.php ins passende Verzeichnis kopieren…

(Hier sind wohl die größten Sicherheitsprobleme… ;-) )

 

War etwas nützliches dabei? Ich freue mich über Spenden… ;-)

 

P.S. Einen kleinen Sicherheitsgewinn bringt:

  • Das PI-Benutzerpasswort in ein sehr komplexes zu ändern,
  • das Telefon nur hinter der FritzBox / Firewall zu betreiben (keine Ports weiterleiten) und
  • das VoIP-Telefon nicht bei einem VoIP-Anbieter direkt anzumelden, sondern eben als Fritz!Box-Nebenstelle (was auch für die Kurzwahl-Nummern bzw. Nutzung des Telefonbuchs wirklich sehr praktisch ist). :-)

P.S.2: Früher hieß die Wähleinheit wohl „Nummernschalter“ und das dazugehörige Bedienteil „Fingerlochscheibe“… ;-)

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Warum die Medien (und auch Snowden) mehr Schaden anrichten als die NSA

oder: Über die Verwunderung, dass Snowden angeblich „ein Held“ ist und die NSA „böse“ sein soll …

Bevor meine Verwunderung in pure Genervtheit umschlägt, möchte ich zum Themekomplex NSA/Snowden ein paar vereinfachte Denkanregungen geben bzw. meine Verwunderung mit der Weltgemeinschaft teilen…

  1. Wenigstens im eigenen Medium recherchieren und weiterbilden
    Liebe Medienschaffende, Euer Metier bringt eine Menge Produkte mit sich, aber an erster Stelle sollte doch der Inhalt und damit die Recherche (und das Nachdenken?) stehen. So wäre es durchaus hilfreich, wenn Ihr zumindest nicht gegen die selbst publizierten Fakten „berichten“, „kommentieren“ bzw. handeln würdet.
  2. Deutsche sind keine Amerikaner* und die NSA ist ein Auslandsgeheimdienst zum Schutz der USA
    Warum wird in den Medien „den Amerikanern“ vorgeworfen, dass sie auf den „NSA-Skandal“ nicht empört genug reagieren und gleichzeitig wird eine Aufrüstung der deutschen Auslandsgeheimdienste akzeptiert (und gefordert)? Warum findet man es schlimm, dass der NSA in Deutschland spioniert (das ist sein Job!) und freut sich gleichzeitig, dass der BND nun auch in USA spioniert? Seit wann ist „Rache“ ein christlicher Wert? Ist es so schwer, sich in andere Positionen/Länder hineinzuversetzen? Vor allem, wenn allgemein anerkannt wird, dass aus Deutschland bereits Terroristen nach USA kamen; und es immer wieder Terroristen in Deutschland gibt, die der deutsche Geheimdienst offensichtlich nicht entdeckt (hat). Alle „Enthüllungen“ zeigen nur, wie gut der NSA seinen Job macht (und was all die anderen „Dienste“ wohl ebenso anstreben) und dass es damit kein „NSA-Skandal“, sondern ein „Medien-Skandal“ ist.
    Hier noch einmal die letzte Medienberichterstattung plakativ auf den Punkt gebracht:
    „Überwachung ist ein Skandal, aber mehr Geld für mehr Überwachung ausgeben ist gut.“ ???
  3. Es wundern sich eigentlich nur die Medien… (denn die „Enthüllungen“ sind nicht neu, sondern „eh klar“)
    Die Überwachungsmöglichkeiten des Internets liegen bereits im Design des Internets und damit seit Anbeginn offen. Jeder Sicherheitsberater* (ja, auch ich) erzählt seit Jahrzehnten, was alles möglich ist (auch wenn mir nicht immer geglaubt wurde). Allerdings lässt sich das durch nachdenken auch selbst herausfinden. Ein Beispiel: Das Internet heißt „net“ weil es ein „Netz“ ist. Ein „Netz“ hat im Gegensatz zu einer direkten Leitung viele Knoten und viele Verbindungen. Es gibt also keine direkte Leitung zwischen einem Nutzer* in Deutschland und z.B. YouTube, sondern viele Stationen dazwischen, die mitbekommen, was mein Rechner dort abruft. Jede dieser Stationen/Knoten stellt einen fremden(!) Rechner dar, der damit all das mitlesen und speichern und auswerten und … kann, was über ihn läuft. (Wer wissen will, wie viele solche Stationen zwischen ihm und den USA ungefähr sind, kann z.B. hier nachschauen.) Und ja, es lässt sich manipulieren, über welche Knoten dieser Datenverkehr läuft, und ja, es lässt sich sehr leicht feststellen und speichern, welcher Rechner Anfragen an bestimmte Adressen (z.B. YouPorn) stellt (siehe z.B. DNS).
    Als weiteres Beispiel baut die von den meisten genutzte https-Verschlüsselung darauf auf, dass es Stellen gibt, die vertrauenswürdig sind und bekanntermaßen zur Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden verpflichtet sind …
    Vielleicht gar kein aktueller „Skandal“ sondern nur ein altes Konzept aus dem vorigen Jahrhundert?
  4. Meistens schadet Angst mehr als Geheimnisse (und die Medien leben von der Angst)
    Snowden hat damit (technisch) keinen großen Erkenntnis-Gewinn gebracht und der große Aufschrei und „Skandal“ erschließt sich wohl einer aufgeklärten Person erst einmal nicht. Allerdings hat er den Medien wieder Nahrung und Angst-Material geliefert und damit dem Freiheitsgefühl mehr geschadet als die NSA. Das Problem ist ja nicht die staatliche Überwachung an sich, von der keiner weiß und die keine Auswirkungen hat, sondern die Angst vor der Überwachung und deren Auswirkungen. Im Kern geht es doch um die philosophische Frage, ob es schlimm ist, wenn ein Mensch, der sich absolut frei fühlt nur in gewissen Grenzen agieren kann. Wenn also jede Person in Deutschland sich überall und immer sagen und schreiben traut, was sie meint und dabei keinerlei Angst vor Überwachung oder Konsequenzen hat, schränkt sie dann eine tatsächliche, aber unbekannte/geheime Überwachung ohne Konsequenzen ein? Ist die Person dann weniger frei? Nehmen wir andersherum an, dass überhaupt keine Überwachung/Speicherung stattfindet, aber die Person Angst davor hat und sich deswegen eben nicht mehr öffentlich (z.B. politisch) zu äußern traut. Ist diese Person dann freier oder unfreier? Und muss nicht der Mensch mit seinem subjektiven erleben der Maßstab sein? Zumindest auf eines werden sich die meisten einigen können: unnötige Angst gilt es zu vermeiden und nicht zu erschaffen. Die unendliche und weitreichende Medienberichterstattung zur Überwachung durch die NSA schafft m.E. aber unnötige Angst und raubt damit Menschen die Freiheit, die sie vorher erlebt haben.
    Gerade der völlig falsche Vergleich mit der Stasi zeigt mangelndes Verständnis und falsche Ängste. Die Stasi operierte und drangsalierte im Inland und sorgte für Angst und damit einhergehender eingeschränkter Meinungsäußerung. Snowden(!) hat in Deutschland diese Stasi-Effekte ausgelöst, die ohne ihn so nicht passiert wären (und die der NSA aus eigenem Interesse vermeiden will). Grundsätzlich ist es natürlich gut, mit „dem Internet“ bewusster umzugehen und sich der Überwachungsgefahr (durch Kriminelle*) bewusst zu sein. Dies allerdings mit einem Fokus auf die NSA zu verbinden schadet zusätzlich, da es von den eigentlichen Problemen / Gefahren (Beispiel: e-bay hack) ablenkt. Vielen ist nicht bewusst, dass sie mit ihrem Smartphone bei nahezu allen Aktionen (außer „echtem“ Telefon und „echter“ SMS)  also z.B. mit WhatsApp, Skype und automatischem „sync“, ihre Daten in das Internet stellen. Dabei fehlt auch das Bewusstsein für die Gefahr die am wenigsten von einem rechtsstaatlichen Geheimdienst ausgeht, sondern von Kriminellen für die schon einfache Daten wie Name, Adresse und Telefonnummer wertvoll sind. So geht von Adressdaten und Kontodaten im Smartphone, bei WhatsApp, Skype, ebay, Amazon, Apple usw. eine weit größere Gefahr aus, als durch eine Überwachung durch die NSA. An erster Stelle sollte daher nicht die Angst vor der NSA stehen, sondern die Beschäftigung mit Datensparsamkeit, mit Sicherheitssoftware wie NoScript, mit der Auswahl alternativer Apps / Programmen / Betriebssystemen sowie mit der gezielten Beschränkung der Rechte dieser Software. M.E. hat Snowden allein mit seiner einseitigen Medienoffensive unserer Demokratie und Freiheit wesentlich mehr Schaden zugefügt als ein Geheimdienst, der eben geheim und verantwortungsvoll mit seinen gesammelten Daten umgeht (allein schon deshalb weil er geheim halten will, dass er diese hat). [27.4.2016: Mittlerweile ist dieser „Chilling Effect“ tatsächlich plausibel nachgewiesen.]
  5. Ich will auch ein Held sein
    Der Hype um Snowden, seine vielfältigen Auszeichnungen und Medienauftritte bergen eine weitere Gefahr (die selbst ernannte „Aufklärer*“ als Erfolg darstellen wollen).
    Die Daten vieler unbescholtener Bürger* in unzähligen Datenbanken laufen Gefahr durch „Insider*“ an die Öffentlichkeit zu gelangen, die ebenfalls diesen Ruhm erleben wollen.
    Menschen die „nur zeigen wollen, wie unsicher die Daten sind“ oder „was alles widerrechtlich gespeichert wird“ liefern damit evtl. die Betroffenen dieser Missstände der Öffentlichkeit aus. Egal ob Dating-Plattform, Sony-Nutzer* oder eBay-Kunde*, den größten Schaden haben oft nicht die Unternehmen, sondern die einfachen Kunden* und Mitarbeiter*, deren Daten keinerlei Schutz mehr unterliegen. Auch hier hat Snowden, wenn nicht die Gefahr für die persönlichen Daten, doch mindestens die Angst erhöht.
  6. Wasch mich aber mach mich nicht nass
    Die in den Medien auftretenden gewählten Politiker* scheinen überwiegend klare Prioritäten zu haben. Dazu zählt z.B. die Beschäftigung mit der tagesaktuellen Medienberichterstattung und der Grundsatz „lieber ein gerettetes Leben in millionenfacher Gefangenschaft als ein Toter* in millionenfacher Freiheit“. Wenn also etwas ungewöhnliches passiert, das zu plötzlichen Toten* führt über das sich gut in Bildern berichten lässt (anders als etwas, das quasi täglich passiert, oder etwas, das keine guten Bilder hergibt) muss Aktionismus gezeigt werden. Da ein solches Ereignis zusätzlich die eigenen Handlungen und Beschlüsse in Frage stellen kann, gilt es diese bereits vorher möglichst aufwändig zu vermeiden. Deswegen ist natürlich mit höherer Priorität alles in der Macht stehende gegen Terroranschläge zu unternehmen als für die (abstrakte) freiheitlich demokratische Grundordnung. Und genau dies wird von der Mehrheit der Bevölkerung bei entsprechender Berichterstattung auch gefordert. Gerade im Internet (aber leider auch in der Medienberichterstattung) ist gut zu erleben, wie z.B. die Unschuldsvermutung noch lange nicht bei der Mehrheit als wichtiges Prinzip verinnerlicht ist, ganz zu schweigen von der Menschenwürde.
    Kurz: Nach einem Terroranschlag bzw. -versuch wird in den Medien gefordert, diese in Zukunft frühzeitiger vermeiden zu können. Ist hingegen ein „NSA-Skandal“ in den Medien, wird gefordert, etwas gegen die Überwachung zu tun. Dabei müsste eigentlich die grundsätzliche Unvereinbarkeit von Freiheit und Sicherheit thematisiert und ausdifferenziert werden. Ein Mehr am Einen bedeutet eben auch immer ein Weniger am Anderen. Mit diesem Zwiespalt muss jeder Mensch genauso leben, wie mit der Gewissheit, dass es 100%ige Sicherheit niemals geben kann. Wer kann es „den Amerikanern“ verdenken, dass sie diese Problematik versuchen, zu ihren Gunsten ins Ausland zu verlagern? Vor allem, wenn in Deutschland nur ein einziger Fall eines Deutschen bekannt zu sein scheint, der tatsächlich unter US-Geheimdiensten gelitten hat (unbemerkte Überwachung zähle ich nicht als „Leiden“ s.o.).
  7. Es gibt kein politisches Patentrezept
    Ein Politiker* muss viele Entscheidungen treffen, die immer auch Schwierigkeiten mit sich bringen können oder eben unangenehme (wenn nicht sogar tödliche) Nebeneffekte haben können. Wer möchte sich vorwerfen lassen, dass er mit seiner Stimme gegen die Überwachung dafür gesorgt hat, dass bei einem Terroranschlag „unschuldige Frauen und Kinder“ zu Tode kamen? Dass er nicht alles unternommen hat, um dies zu verhindern? Wer hätte ernsthaft die Kraft, bewusst den (wenn auch nur etwas wahrscheinlicheren) Tod von „Zivilisten“ in Kauf zu nehmen, „nur“ um „Freiheit“ und „Rechtsstaatlichkeit“ zu stärken? Was ist weniger schlimm? Lieber mit der Angst vor Terroristen* leben, als mit der Angst vor staatlicher Überwachung? Oder stellt sich die Frage so nicht, weil nur die Politiker* Angst vor Terroristen* (und der Verantwortung für die Anschläge) haben müssen? Die Demonstrierenden mit den Schildern „Freiheit statt Angst“ haben sich entschieden, aber deren Entscheidung hat auch keinen direkten Einfluss auf ihre Verantwortung. Würden sie die Verantwortung für mögliche Tote* durch Terror (die man hypothetisch verhindern hätte können) übernehmen? Aber wie hypothetisch ist es eigentlich? Sind Terroristen* durch die Überwachung überhaupt zu stoppen? Nutzen diese überwachte Medien überhaupt unverschlüsselt? Haben Politiker* vielleicht gar nicht Angst vor möglichen Anschlägen, sondern nur die Angst vor dem politischen Gegner*, der ihnen Untätigkeit oder gar Schuld vorwerfen würde?
  8. Geht es um Macht und Geld statt um Terrorismus?
    Ich persönlich entscheide mich in der NSA-Diskussion aus all diesen Betrachtungen grundsätzlich für „Contra Medienhype -> Contra Snowden -> Pro NSA“ und doch bleibt ein bitterer Beigeschmack – aus einem anderen Grund. Bei der ganzen Berichterstattung scheint immer mal wieder durch, dass es eben leider nicht „nur“ um Terrorismus oder ähnlich entsetzliche Straftaten geht, sondern auch darum, allgemeine Vorteile für sein Land zu erringen (was automatisch zu Nachteilen für ein anderes Land führt). Bundespräsident Köhler hat 2010 deutlich gemacht: „Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen.“ D.h. hier wurden bewusst wirtschaftliche Interessen noch über Menschenleben gestellt (und Köhler trat deswegen mit einer hervorragenden finanziellen Versorgung von seinem Amt zurück). Zu glauben, dass die wesentlich weniger gewalttätigen Auslandsgeheimdienste nicht auch wirtschaftliche Interessen verfolgen, ist damit wahrscheinlich ähnlich naiv, wie zu glauben, dass Daten im Internet sicher sind.
    Kurz: Entweder hat Angela Merkel mit Terroristen* zu tun oder bei der Arbeit der NSA geht es nicht (nur?) um Terroristen*. Ob allerdings so viel für die Überwachung spricht, wenn vorwiegend wirtschaftliche Interessen und politische Taktik dahinter stecken, wäre eine weitere Frage, die gesamtgesellschaftlich zu beantworten wäre.

P.S. Ich glaube, dass weit mehr reale Gefahr durch naive Smartphone-Nutzer*, unsichere Computersysteme bei Privatleuten, Internetknoten und Datensammlern wie facebook, Microsoft und geschäftlichen Seiten wie ebay ausgeht, als von einer gut arbeitenden NSA.
Und ich bin fest davon überzeugt, dass sich die Menschen möglichst frei und sicher fühlen sollen, unabhängig wie die Situation von Außen betrachtet erscheint. Snowden und die Medien haben da wahrscheinlich bereits jetzt schon weit mehr Schaden angerichtet, als sie sich vorstellen.

 

* aller Geschlechter